„Ninette – dünn ist nicht dünn genug“

Ein spannendes und bewegendes Projekt zum Thema Magersucht ist der elfteilige interaktive und multimediale Comic „Ninette – Dünn ist nicht dünn genug“. Er erzählt die Geschichte der jungen Janette. Dem Berliner Teenager geht es eigentlich gut, aber nach den Sommerferien ändern sich Dinge. Der Comic beschreibt mit großer Liebe zum Detail, aber ohne Häme, wie Janette der Magersucht anheim fällt, wie sie sich mit ihrem schlechten Gewissen, der titelgebenden „Ninette“ verbündet. Auch ihr schwieriger Weg zurück in ein Leben ohne Essstörungen ist ausführlich Thema – Erfolge und Rückschläge inbegriffen.

Die Zielgruppe, so steht es in einem Presskit, sind zwölf- bis 15-Jährige. Die Machart von „Ninette“ sorgt aber dafür, dass auch Erwachsene reichlich neue Erkenntnisse über die Krankheit Magersucht gewinnen können. Erkenntnisse meint hier nicht das oft ebenso schlaue wie unverständliche Geschwurbel aus Medizinbüchern und -blogs, sondern den Einblick in die Psyche junger Betroffener. Leseempfehlung für jedes Alter. Aber: Zeit mitbringen.

Nun bin ich der Zielgruppe bereits vor knapp 20 Jahren entwachsen, kann mich allerdings gut in die Situation von Janette hineinversetzen, und der Comic berührt mich auch an manchen Stellen. „Ninette“ hinterlässt Eindruck, und das um so mehr, weil sich die Macher auch Gedanken über reichlich Zusatzmaterial gemacht haben. Dies ist häufig interaktiv. Leser können es entweder direkt im Comic anklicken – dort sind die Links durch unaufdringlich blinkende Markierungen erkennbar. Alternativ gibt´s die Zusatzinfos auch im Überblick.

Zu den 31 Angeboten gehören beispielsweise Audios, mehrere Online-Tests und bewegliche Grafiken wie diese zu möglichen körperlichen und seelischen Folgen. Dabei gelingt es dem Comic häufig, aber nicht immer, auf Augenhöhe mit der Zielgruppe zu bleiben: Audios lassen sich nicht vorspulen, die Online-Tests erscheinen mir ein Stück weit zu textlastig. Ich schließe aber nicht aus, dass Betroffene und ihre Eltern und Freunde eben diese Fülle an Informationen benötigen und „Ninette“ genau die passende Form für sie ist.

Charmant ist auch, dass Anwender die einzelnen Kapitel wahlweise als Video oder als interaktives Klick-Abenteuer durchleben können. Das wird gleich mehreren Empfängertypen (sowie weniger leistungsstarken Geräten) gerecht.

„Ninette“ ist für den Grimme Online Award nominiert – aus pädagogischer Sicht halte ich das auch für gerechtfertigt. Der Meinung bin ich nicht nur wegen der ungewöhnlichen und abwechslungsreichen Form der Wissensvermittlung, sondern auch, weil „Ninette“ dazu beiträgt, Comics vom Schmuddel-Image zu befreien. Obwohl das natürlich nirgends so formuliert ist.

Es gibt aber zwei große Macken, von denen eine mit dem Inhalt zu tun hat und grundsätzlicher Natur ist: Quellenangaben fehlen. Im Comic und in den Zusatzmaterialien sind sie nicht zu finden, und auch an anderer Stelle im Projekt sind sie nicht oder allenfalls unzureichend kenntlich gemacht. Die Aussage im Pressekit, „Ninette“ sei „fundiert recherchiert“, lässt sich so schlicht nicht überprüfen. Damit tun sich die Macher zumindest aus journalistischer Perspektive überhaupt keinen Gefallen.

Die zweite Kritik ist eher wertschätzender Natur: Nirgends wird der Comiczeichner gewürdigt. „Ninette“ ist laut Pressetext aufs Gleis gesetzt worden durch die Interactive Media Foundation“ (IMF), ein „Team von (…) Experten aus Film, digitalen Anwendungen, Game Design, Konzept und Technologie“. Der Initiatorin wird namentlich gehuldigt, mehr nicht.

Also: Nichts, was sich nicht beheben ließe.

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