Vom Yellow Kid zur Wormworld Saga: Die Geschichte des Comic

Yellow Kid, die erste Comicfigur in einer Zeitung.
Yellow Kid, die erste Comicfigur in einer Zeitung.

Natürlich gibt es eine Zeichenwelt außerhalb Entenhausens oder des kleinen gallischen Dorfes, das nicht aufhört, dem Eindringling… Sie wissen schon. Woher der Comic kommt, weshalb er in Deutschland immer noch ein so mieses Image hat und welche Chancen und Grenzen ihm das Internet bietet, habe ich nachfolgend zusammengestellt. Im zweiten Teil dieses Artikels gehe ich auf die Geschichte von Comicjournalismus und Comics im Web ein. Außerdem kläre ich den vermeintlichen Unterschied zwischen den Begriffen „Graphic Novel“ und „Comic“.

Comic-Meilensteine von 1896 bis heute habe ich unter dem Titel „Batman, Peanuts und die Nazis“ für den Bayerischen Rundfunk zusammengestellt.

Das gelbe Nachthemd oder: Der Geburtstag des Comic
Alles hat mit einem Kampf angefangen: Die Verleger Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst buhlten Ende der 1890er Jahre um die Leser ihrer Zeitungen „Sunday World“ und „San Francisco Examiner“. In Pulitzers New Yorker „Sunday World“ erschien am 5. Mai 1895 erstmals ein Comic mit einer namenlosen Figur mit dickem Kopf und Segelohren. Sie trug ein weißes Nachthemd.

Auf den Tag genau acht Monate später verpasste Pulitzer dem Hemd dieses Männleins die Farbe Gelb. Der Junge erhielt bald den Namen Yellow Kid und wuchs zu einem Star der US-Medienlandschaft heran. Damit hatte Pulitzer den Kampf um die Leser, insbesondere die Einwanderer, erst einmal für sich entschieden. Yellow Kid war gleichzeitig auch ein Marketing-Stunt gewesen, denn die Farbe Gelb hatte sich bis kurz zuvor technisch einfach nicht drucken lassen.

Anfangs standen die Texte noch im Nachthemd des Yellow Kid, ab dem 25. Oktober 1896 aber in Sprechblasen. Deswegen, so meint unter anderem der deutsche Comic-Forscher Andreas Knigge, ist das der Geburtstag des Comic.

Weitgehend einig sind sich die Wissenschaftler darüber, dass es nicht Wilhelm Busch war, der den Comic erfand. Eine große Inspiration war Busch aber zweifelsohne: Hearst, der Verleger-Konkurrent Pulitzers, hatte seinen deutschen Zeichner schon 1897 damit beauftragt, „something like Max and Moritz“ zu Papier zu bringen. Heraus kam ein weiterer Meilenstein der Comic-Geschichte: die „Katzenjammer Kids“, der älteste heute noch erscheinende Comic der Welt.

Die Katzenjammer Kids treiben seit 1901 und bis heute ihren Schabernack.
Die Katzenjammer Kids treiben seit 1901 und bis heute ihren Schabernack.

Von „Little Nemo“ zu den „Peanuts“: Der Comic in Amerika
Wenige Jahre nach dem Start von Yellow Kid und „Katzenjammer Kids“ waren die Grundpfeiler eingerammt für das, was wir noch heute als Comic kennen: Panels (die Comicbilder) mit Sprech- oder Denkblasen, voneinander getrennt durch weiße Balken (Rinnsteine).

In Amerika entstanden bis in die 1930er Jahre zunächst kurze Unterhaltungs-Strips.

Für die abgefahrenen Traumwelten von „Little Nemo“ war die Welt Anfang der 1910er Jahre noch nicht reif, die Serie floppte – aus heutiger Sicht unverständlich. „Gasoline Alley“, eine Art gezeichnete Daily Soap, dagegen erscheint seit 1919 bis zum heutigen Tag. Als Klassiker gilt auch die völlig surrealistische Ménage-à-trois „Krazy Kat“ über eine Maus, eine in sie verliebte Katze und eine Polizei-Bulldogge. Die verrückte Mischung erschien von 1913 bis 1944.

Katze liebt Maus, Dogge liebt Katze, Dogge will Maus einbuchten - das crazy Setting von "Krazy Kat".
Katze liebt Maus, Dogge liebt Katze, Dogge will Maus einbuchten – das crazy Setting von „Krazy Kat“.

Eine andere Maus namens Micky trat ab 1928 ihren Siegeszug um die Welt an. Ihr Schöpfer Walt Disney hat übrigens nie einen der Comics gezeichnet. Das übernahmen Männer, die später zu Legenden wurden, wie Carl Barks und der Dagobert-Duck-Biograf Don Rosa.

Langlebige tägliche Comic-Strips wie die „Peanuts“ (1950-2000) von Charles Monroe Schulz gehörten für viele Leser in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Zeitungslektüre. Schulz starb Ende Februar 2000, einen Tag, bevor der letzte aller „Peanuts“-Strips erschien.

In den 1960ern entwickelten sich die „Underground Comix“, eine nicht jugendfreie, eher kurzlebige, aber einflussreiche Gegenbewegung zu den mittlerweile häufig selbstzensierten Comics. Doch dazu später mehr.

Von Tarzan zum Brutalo-Batman: Die Zeitalter der Superhelden
In den späten 1920ern kamen Abenteuercomics auf wie „Tarzan“. Das „goldene Zeitalter“ der Superhelden begann in den späten 1930ern. 1938 flog „Superman“ zum ersten Mal durch die Comic-Panels. Nach einem kurzen Dämpfer erhielten die Übermenschlichen in den 1950ern und 60ern eine zweite Flugchance. Dann schien das Thema eigentlich durch zu sein: Superhelden schossen wie Pilze aus dem Boden, die Qualität sank.

Bis Frank Miller 1986 Batman zur Legende machte. In „The Dark Knight Returns“ zeichnete Miller Batman als abgehalftertes Wrack, das widerwillig erneut ins Kostüm steigt und brutal wie nie zuvor den Abschaum Gotham Citys aus der Stadt radiert. Die Superhelden erschienen ab diesem Zeitpunkt in einem neuen, düsteren Licht.

"The Dark Knight Returns" machte Batman 1986 zur Legende.
„The Dark Knight Returns“ machte Batman 1986 zur Legende.

New Journalism: Subjektiv statt objektiv
Comic und Journalismus berührten sich erstmals in der New-Journalism-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre – also schon vor mehr als 40 Jahren. Ihre Vertreter betonten den subjektiven und experimentellen Charakter ihrer Arbeiten, statt in erster Linie auf Genauigkeit zu setzen. Das schreibt der Wissenschaftler Dirk Vanderbeke. Damit grenzten sich die New-Journalism-Vertreter scharf von der objektiven Newsroom-Arbeit der Gegenwart ab.

Heute ist der Begriff der „transparenten Subjektivität“ für die Arbeit vieler Comicjournalisten von zentraler Bedeutung. Vereinfacht ausgedrückt sagen sie: Statt vergeblich zu versuchen, objektiv zu sein, sind wir bewusst subjektiv, legen aber alle unsere Quellen konsequent offen. Lukas Plank hat sich in seiner Masterarbeit ausführlich damit befasst.

Wegweisende Beispiele des New Journalism sind Art Spiegelmans Holocaust-Parabel „Maus“. Das Nazi-Morden als Comic? Das war 1972 und 1986 (da erschien „Maus“ erstmals komplett) ein Skandal, ein Tabubruch. Für „Maus“ erhielt Spiegelman 1992 einen Pulitzer-Preis – den Journalismus-Oscar hatte nie zuvor ein Comic bekommen. Heute ist der Comic-Journalist Joe Sacco der wohl bekannteste seiner Zunft, sein gewaltiger Bericht „Palestine“ von 1993 gilt als Standardwerk.

Graphic Novel vs. Comic
Ursprünglich war der Begriff „Graphic Novel“ ein Marketing-Trick: Zeichner-Legende Will Eisner war einer der ersten, der den Begriff verwendete. Er wollte 1978 seinen Comic „A Contract With God“ an den Mann bringen. Weil er aber befürchtete, dass ein Comic vom Verlag abgelehnt würde, machte er die Verleger heiß, indem er ihnen sinngemäß schrieb: Leute, ihr habt doch bestimmt Interesse an einer „Graphic Novel“.

Ein Trick ist der Begriff „Graphic Novel“ auch heute. Nur nutzen ihn jetzt viele insbesondere deutsche Verlage, um ihre Comics besser zu vermarkten. Graphic Novels seien anspruchsvoller als „normale Comics“, richten sich eher an Erwachsene, hätten keine thematischen oder strukturellen Grenzen und erzählen eine abgeschlossene Geschichte. Wie ein Roman eben. So fasst die Autorin Juliane Blank die Beweggründe der Verlage in „Vom Sinn und Unsinn des Begriffs Graphic Novel“ zusammen. Wissenschaftler und Comic-Autoren gleichermaßen kritisieren den Begriff.

Aber die Büchse der Pandora ist längst geöffnet. Das kann abstruse Blüten treiben. Etwa dann, wenn vermeintliche Fachbuchhandlungen die Comics in eine ganz andere Abteilung verlegen als die Graphic Novels. Thalia Hamburg, anyone?

Asterix, Gaston und Lucky Luke: Das franko-belgische Comic-Mekka
Der rasende Reporter, der schon vor Armstrong auf dem Mond spazierte. Der Gallier, dessen Name sich vom * auf der Tastatur ableitet. Der Mann, der schneller schießt als sein Schatten – alle stammen sie aus dem frankobelgischen Raum. Er war stilprägend in Europa, viele Jahrzehnte lang, und konnte sich weitgehend frei entfalten.

Ab 1929 erschien Tintin (Tim und Struppi) aus der Feder des Belgiers Hergé. Seine Zeichenführung wurde später unter dem Begriff „Ligne Claire“ stilprägend. Die klare Linie Hergés verzichtet beispielsweise auf Schatten.

Charaktere wie die Schlümpfe, Asterix oder Lucky Luke sind seit Mitte des 20. Jahrhunderts feste Bestandteile des frankobelgischen Comic-Kanons. Hierzulande eher in Fankreisen bekannt ist der Bürogehilfe Gaston aus der Feder André Franquins. Gaston ist ein wahrer Katastrophen-Magnet und verhinderte mit seinen abgefahrenen Erfindungen 40 Jahre lang versehentlich, dass die Redaktionsleitung seines Verlages einen wichtigen, wenn auch nie näher erläuterten Vertrag unter Dach und Fach bringen konnte.

Deutschland: Bücherverbrennungen und „entartete Phantasie“
Deutschland galt in puncto Comics lange Zeit als Entwicklungsland. Grund dafür war unter anderem eine „Schmutz und Schund“-Kampagne in den 1950er Jahren, schreibt der renommierte Comic-Wissenschaftler Dietrich Grünewald. Die „Sprechblasenliteratur“ sei „Lesefutter für Analphabeten“, hieß es damals.

Die Parallelen zur Nazi-Zeit sind erschreckend: Christliche Verbände verbrannten keine zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges Comics. „Entartete Phantasie“ sah die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in den zwei ersten Dokumenten, die sie Mitte der 1950er Jahre auf den Index setzte: Comics.

Erst in den 1970ern entdeckte die Erziehung – in und außerhalb der Schule – den Comic für sich.

Es dauerte noch bis in die 1980er Jahre, bis der weitgehend weiße Comic-Fleck auf der europäischen Landkarte endlich zu verblassen begann. Allerdings zunächst vorwiegend mit dem Witz verpflichteten Comics wie Rötger Feldmanns „Werner“ (ab 1981), Ralf Königs „Der bewegte Mann“ (1987) und Walter Moers’ „Kleines Arschloch“ (ab 1990).

„Niedrigstes Niveau“? – Der Comic in der Kritik
Schon der Yellow Kid, das Männchen aus Pulitzers „Sunday World“, bekam ordentlich verbale Prügel. Es sei wegen der „sprachlichen Inhalte auf niedrigstem Niveau“ einer Zeitung im Prinzip nicht würdig, schreibt der Autor Klaus Schikowski.

Solange der Comic als Massenkultur galt, begleitete ihn immer der Verdacht des Trivialen.

Klaus Schikowski

Der Wissenschaftler Thierry Groensteen stellt die These auf, dass der Comic unter vier Handicaps leidet: der Tatsache, dass Comic immer gleichzeitig aus Text und Bild besteht, dem vermeintlichen Fehlen erzählerischer Ambitionen, der Nähe zur Karikatur und dem Nostalgie-Image.

Die Kritik-Phänomene in vielen Teilen der Welt ähnelten sich, beschreibt der Autor John Lent: Stets führten die Gegner, unter anderem Pädagogen, die vermeintlich negativen Auswirkungen auf Kinder an, stets ging die Politik gegen Verlage oder Zeichner vor, stets war die Lösung Selbstzensur. Innovationen wurden somit für viele Jahre ausgebremst, meint Schikowski.

Der „Comics Code“: Selbstzensur in Amerika
Amerikanische Comic-Kritiker befürchteten, Jugendliche könnten durch den Konsum schneller kriminell werden. Ab 1955 verpflichtete ein „Comics Code“, dessen Geschichte Sie hier in englischer Sprache nachlesen können, die Verlage zur Selbstzensur. Das öffnete letzten Endes Tür und Tor für die Underground Comix von Zeichnern wie Robert Crumb: Comics, die Inhalte zeigen, gegen die selbst „50 Shades Of Grey“ aussieht wie ein Film aus der „Frei ab 6“-Abteilung.

Erst mit der Veröffentlichung von Art Spiegelmans Holocaust-Parabel „Maus“ dämmerte auch manchem Hardliner, dass Comics künstlerisch von Wert sein können und nicht nur leichte Inhalte transportieren.

Japans Manga
Ganz anders der Umgang mit Comics in Japan. Dort ist der Manga mindestens ebenso fest verankert in der Kultur wie in Frankreich oder Belgien. In Japan gelangte er nach dem Zweiten Weltkrieg zu enormer Popularität. Erst nach Ende des Kalten Krieges jedoch begann sich auch die westliche Welt für die Comics zu interessieren; TV-Serien wie „Sailor Moon“ und „Pokémon“ trugen unter anderem dazu bei. In Europa gilt das autobiografische 2500-Seiten-Werk „Barfuß durch Hiroshima“ von Keiji Nakazawa als bekanntester Manga. Nakazawa ist ein Volksheld in Japan.

Die endlose Leinwand: Der Comic wandert ins Web

Die Geschichte des Webcomics ist eng verknüpft mit der Geschichte der Web-Technologien.

Björn Hammel

In seiner Bachelorarbeit von 2013 unterteilt Björn Hammel die Entwicklung der Webcomics in fünf Zeitabschnitte,

  • beginnend 1993 mit der Geburt des Browsers und des ersten Webcomics namens „Doctor Fun“.
  • In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre vereinfachte die technologische Entwicklung den Transfer von Comics ins Web, beispielsweise durch freie Site-Builder. Schwerpunkt waren Nerd-Comics.
  • 2000 stellte der Comiczeichner und -theoretiker Scott McCloud seine Idee der „unendlichen Leinwand“ vor: das theoretische Potenzial, Comic-Strukturen wie beispielsweise die Panel-Begrenzung aufzuheben oder zu neuen Ufern zu führen. Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist der bildgewaltige Abenteuer-Comic „Wormworld-Saga“ des Deutschen Daniel Lieske von 2010. Neue Vertriebswege und Technologien entwickelten sich, im Web dominierten aber weiterhin Cartoons (Einbildwitze), Strips und One-Pager.
  • Neue Möglichkeiten eröffneten ab etwa 2006 Blogs wie WordPress und – als Aufsatz dafür – Comicpress. Das schreibt Alexander Lachwitz in einem Aufsatz für das einmal jährlich erscheinende Magazin „Comic Report“. Comicpress machten sich Zeichner wie Randall Munroe zunutze, der 2006 erstmals das verquere „xkcd“ in die Welt setzte.
    Webcomic-Macher vernetzten sich immer mehr, schreibt Hammel. Comics wie „Girl Genius“ von Phil und Kaja Foglio wanderten vom Print ins Web (2005), „American Born Chinese“ von Gene Yang ging den umgekehrten Weg (2006). Gleichzeitig begannen Print-Verlage Interesse an Webcomics zu zeigen und verhalfen Webcomic-Autoren zu größerer Bekanntheit, schreibt Elisabeth Dietz 2014 in einem „Comic Report“-Beitrag namens „Webcomics, Fuck Yeah!“.
  • Heute, im Zeitalter „of This Whole App Thing“, sind laut Shaenon Garrity die Webcomics am erfolgreichsten, die ihren ursprünglichen Zusammenhang verlassen und ihr Format anpassen können. Webcomics orientieren sich momentan dank der Tablets wieder am für Comics einst üblichen Hochformat. Das scheint „episch angelegte Webcomics“ zu begünstigen, schreibt Hammel. Responsives Webdesign – hier passen sich Größe und Auflösung der Darstellung dem jeweiligen Bildschirm an – tut sein Übriges. Erfolgreiche Webcomics ähneln offenbar den klassischen Comicstrips. Die (Online-)Comiczeichnerin und -verlegerin Ulli Lust vermutet deshalb, „dass die Leser gar nicht interagieren, gar keinen Einfluss nehmen wollen. Sie wollen in eine Geschichte geworfen werden“, schreibt Dietz.

Trotzdem erscheinen immer mehr multimediale Comics, auch journalistischer Natur. Vielleicht beginnt gerade ein sechstes Zeitalter.

Die Grenzen des Webcomic
Max Vähling bemerkt in einem Beitrag für „Comic Report“, dass der Webcomic seine Grenzen hat: Wenn auf den Webseiten nicht mindestens einmal wöchentlich etwas passiert, geraten sie beim Publikum leicht in Vergessenheit. Die Ladezeiten sind noch immer problematisch. Zudem müssen die Comiczeichner auch noch Webdesigner sein, um sowohl Comic als auch Internet voll auszuschöpfen. Außerdem nehmen Leser Multimedia-Comics eher als Experimente wahr denn als Lesestoff. Deshalb besteht der Standard-Comic im Web meist aus mehrmals wöchentlich aktualisierten Folgen einzelner Strips, Cartoons oder Seiten.

Finanziell lohnen sich Webcomics für Zeichner anscheinend nicht. Das gab etwa der Kenianer Victor Ndula in einem Interview zu. Ähnlich beurteilten das Lars Banhold und David Freis in einem wissenschaftlichen Beitrag über Webcomics von 2012.

Die Anzahl der Webcomics ist völlig unklar. Es könnten je nach Quelle 18.000 sein oder auch das Doppelte. Inhaltlich ähneln die Webcomics manchmal kurzen Tagebucheinträgen, manchmal sind es von McCloud inspirierte Endlos-Leinwand-Comics wie die erwähnte „Wormworld Saga“, oft auch Fortsetzungsgeschichten – oder eben Arbeiten mit journalistischem Hintergrund.

Merkel auf Zeitreise: Comicjournalismus on- und offline
Wie viele comicjournalistische Arbeiten existieren, ist unklar. Lukas Plank, der für seine Masterarbeit Comic-Journalisten interviewt hat, versammelt auf seiner Homepage etwa 150 Arbeiten verschiedener Machart in unterschiedlichen Sprachen. Seiten wie www.comicmovement.com, www.cartoonpicayune.com oder www.symboliamag.com geben den Journalisten und/oder Zeichnern für ihre teils rechercheintensiven Arbeiten ein Forum. Laut dem Comicjournalisten Dan Archer soll es in Japan sogar eine Seite geben, die tagesaktuelle Nachrichten nahezu in Echtzeit publiziert.

Vereinzelt nutzen auch deutsche Medien Comic-Elemente off- und online in ihrer Berichterstattung. So schickte „Die Zeit“ Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende 2013 auf eine Zeitreise zu Ökonomen und Politikern des 18. bis 20. Jahrhunderts. Das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ bettete im Frühjahr 2014 Comics in eine Titelgeschichte über die Wirtschaftskrise ein. „Der Spiegel“ führte seine Titelgeschichte über die Nazi-Vergangenheit des Vaters eines der Autoren im Internet weiter.

Auch deutsche Lokalzeitungen machen sich den Comic zunutze, setzen dabei aber offenbar in erster Linie auf Unterhaltung. So vermengt die „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ Geschichte und Aktuelles in ihren Harzhorn-Comics. Die „Schwäbische“ nahm die Arbeitsweise ihrer Online-Redaktion in Comic-Form aufs Korn.

Comics in der Zeitung: Nichts als Hausmannskost
In deutschen Massenmedien haben Comics auch im 21. Jahrhundert anscheinend kaum die Chance, anspruchsvolle Inhalte zu transportieren, denn die Leser erwarten „Hausmannskost“, schreibt der Wissenschaftler Dietrich Grünewald.

(Die Comics werden) dem Erfahrungs- und Rezeptionshorizont des durchschnittlichen Rezipienten (des Massenpublikums) und seiner Erwartungshaltung angepasst.

Dietrich Grünewald

Allzu häufig würden erwartbare Klischees bedient.

Anspruchsvolle Comics, die das Massenpublikum wenig interessiert, findet der Leser eher im Buchhandel. Zielgruppe dieser Comics sind Leser, die sich der Herausforderung abseits der „Hausmannskost“ stellen. Kurzum: Leser, die auf Inhalte und Ästhetik stehen.

Dan Archer vermutet, dass Kritik an Journalismus in Comic-Form auch damit zu tun hat, dass Leser diesen schlicht nicht gewöhnt sind. In einer Podiumsdiskussion sagt er: „Text – we´re so much more familiar with it, so we get away with it.“

 

Diesen Text finden Sie leicht verändert und mit allen wissenschaftlich zitierten Quellen in Kapitel 2 meiner Bachelorarbeit (S. 6-10).

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