Zeichnungen können nicht objektiv sein – oder doch?

Comics können doch gar nicht objektiv sein – sie sind doch gezeichnet. Dies ist die gängigste Kritik am Comicjournalismus an sich. Wie die Macher diesem Argument entgegen treten, lesen Sie hier.

Comics sind nicht nur komisch.

Eckart Sackmann

Diese Erkenntnis setzt sich ähnlich langsam durch wie diejenige, dass Tageszeitung ohne Internet auf Dauer keine Zukunft hat. Der englische Begriff „Comic“ ist nach wie vor ein Hin­dernis auf dem Weg zu einer „vorurteilsfreie(n) Ein- und Zuordnung“ und „grundsätzlich ungeeignet“, findet Eckart Sackmann. Und wie zum Beweis ordnen auch journalistische Sammelbände den Comic meist in die Unterhaltungssparte ein, etwa bei Böhn/Seidler (2008) oder Reumann (2009).

Trotzdem sind Comicjournalisten wie Dan Archer und Matt Bors davon überzeugt, nach journalistischen Maßstäben zu arbeiten.

We research + investigate a story in the traditonal way(,) but our stories are filed as Comics, not pure text, photos/video.

Dan Archer

Comics Journalism is (t)elling true stories with accuracy and transparency.

Matt Bors

Ähnlich hat es der Comicjournalist Joe Sacco, der als Vater der Comic-Reportage gilt, im Zusammenhang mit seinem opulenten Reisebericht „Palestine“ (1993) betont: Ihm seien Ehrlichkeit und Transparenz besonders wichtig gewesen. Ein Teil der Transparenz im journalistischen Alltag ist laut Kommunikationswissenschaftler Stephan Ruß-Mohl, die Bedingungen der Berichterstattungen offenzulegen.

Sacco setzt das im Sammelband „Reportagen“ in Form von Anmerkungen um, die er den Comics nachstellt. So berichtet er über Probleme bei der Berichterstattung über den Strafgerichtshof in Den Haag: „Gerne hätte ich es den beiden Hauptverantwortlichen überlassen, die Wichtigkeit dieses Tribunals zu erklären, anstatt dies selbst zu tun.“

In einem Interview mit dem Magazin „The Believer“ stellt Sacco die journalistische Sorgfalt über die Ästhetik des Comics. Gefragt nach eckigen Klammern, die Änderungen an einem Zitat kennzeichnen, antwortet Sacco:

I do agree that this is not what I want to see if I’m reading a comic book, for god’s sake, but on the other hand, the journalistic imperative means more to me when you’re quoting someone than the “nice comics balloon” imperative.

Joe Sacco

Terms of Service1
Eckige Klammern in der Sprechblase: So verdeutlicht der Comic „Terms of Service“, dass es sich um ein Zitat handelt.

Josh Neufeld und Michael Keller nutzen diese eckigen Klammern im Comic „Terms of Service“ über Big Data. Außerdem zeichnet Neufeld sich und Keller in manche Comic-Panels. Zudem verwenden sie Fußnoten, die auf eine Literaturangabe am Ende des Comic verweisen.

Konsequent subjektiv statt objektiv

„The News in Comic Format? Impossible. Because it´s drawn, therefore subjective.“

Das lässt Comicjournalist Dan Archer einen Redaktionsleiter in einem Erklär-Comic über Comicjournalismus sagen. Es ist das Hauptargument gegen Nachrichten im Comicformat: Sie sind gezeichnet, also nicht objektiv, basta. Archer hält dagegen, dass soziale Netzwerke und Verknüpfungen, etwa zu Videos im Comic, dieses Argument entkräften können. Eine These, die sich in meiner Bachelorarbeit bestätigt hat.

Gegen die landläufige Meinung spricht auch die Arbeitsweise der Comicjournalisten, die Lukas Plank in seiner Masterarbeit untersucht hat. Er spricht von der „transparenten Subjektivität“. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das: Ja, wir sind subjektiv, wir haben unsere eigene Meinung. Und die unterstreichen wir konsequent dadurch, dass wir unsere Quellen transparent machen.

Plank entwirft einen entsprechenden Leitfaden und schlägt vor, in jedes Panel Symbole einzufügen, die die Quelle transparent machen. Je nach Veröffentlichung können Vor- oder Nachwort, Anhang, Fußnoten, Links oder die Ich-Form Alternativen zu den Symbolen sein.

Für den Wissenschaftler Dirk Vanderbeke ist die Sub­jektivität einer der Bausteine, um sich einer „essential truth“ an­zunähern, die klassischer Journalismus nicht immer erreichen könne. In die­sem Zusammenhang stelle Comicjournalismus auch die vermeintliche Echt­heit von Fotos infrage und betone die Vorteile, auch Dinge darstellen zu kön­nen, die anderen Formen des Journalismus vorenthalten bleiben. Darunter kann beispielsweise die Totale einer Szenerie fallen, von der möglicherweise kein Foto zur Verfügung stand.

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